Foto: Peter Wattendorff

22.04.2015

Stylus Münster/Osnabrück

Orstbestimmungen

Mich persönlich interessieren immer die Dinge, welche mit souveräner Selbstverständlichkeit und großer Konstanz ihren Platz im Alltag gefunden haben. Das können Gebäude oder Plätze sein, aber auch ganz profane Gegenstände wie eine gut gemachte Kaffeetasse – oder eben auch ein Möbelstück … Ich bin fasziniert, wenn Ideen, welche aus dem mutigen Geist der Innovation geboren sind ( was ja naturgemäß auch immer die Möglichkeit des Scheiterns enthält ), nicht nur umgesetzt werden, sondern eine dauerhafte Bestätigung auf einem Lebensweg finden, auf dem sie sogar zum Klassiker werden können. Natürlich gilt es, sich auf diesem Weg zu entwickeln – oder sich auch vom Zeitgeist inspirieren zu lassen. Umso größer ist dann die Überraschung, wenn – wie hier bei dem S64 von Thonet – die ursprüngliche Idee, deren Erfolg am Anfang nicht abzusehen war, auch nach nun fast 90 Jahren nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat.

Den Grund für diese sich stetig bestätigende Lebendigkeit sehe ich in einer schlichten und völlig nachvollziehbaren Eigenart: Etwas wird zum Klassiker, wenn es einen geheimen Grundcode für die Entzifferung zur Verfügung stellt, der nicht nur von einer Generation verstanden wird.

Gebäude oder Architektur verstehe ich in diesem Sinne immer als eine Art von Hintergrund. Ein wandelbarer, auch zeitloser Hintergrund, vor oder in dem das Individuum seinen Schabernack treiben kann … Heutzutage aber verlieren Gebäude zunehmend diesen Hintergrund: Sie sind oft zu spezifisch oder zu „erzählerisch“ gebaut. In diesen Fällen ist es schwer, ihren Grundcode zu entschlüsseln: Bewohner oder Nutzer entwickeln sich weiter – aber in ihrem Alltag findet das Gebäude kein Platz mehr. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass wir jederzeit unter dem Einfluss von Mode und Moden stehen. So verhält es sich auch mit unserer Sicht auf die Architektur. Dort, wo Gebäude – auch auf lange Sicht – eine städtebauliche Situation markieren, und zwar so, dass wir sie auch drei (oder mehr) Generationen später noch akzeptieren können, dort  wurde etwas richtig gemacht.

Ich bin nicht zuletzt deshalb der Überzeugung, dass wir beim Bauen, im Schaffen von Architektur eine Verortung im Kontext benötigen. Wir benötigen ein Bewusstsein für – nennen wir es ruhig – regionalen Bezug, oder auch für das, was präziser durch den Begriff „ Genius Loci“ bezeichnet wird.

Links:
Stylus-Frühling 2015


Zurück